Die Hungerpyramide – Wittgenborn – BĂŒdinger Wald – Spessart – Wandern mit Hund 🐕

Es war eine Zeit des Hungers und des Elends. Menschen aus Àrmsten VerhÀltnissen krochen auf ihren durchgewetzten Hosen und sammelten Steine vom Boden auf. Nicht einen. Nicht zwei. Sondern tausende. Ihr Werk steht heute in einem kleinen Wald in Mittelhessen und wir werden es besuchen. Komm mit uns auf eine Reise in die Vergangenheit.

Die Wanderroute

Parkplatz am Dorfweiher
Parkplatz am Dorfweiher

Ich parke am Dorfweiher von Wittgenborn. Mit diesem Weiher verbindet mich eine kleine Geschichte. Es ist schon zwei Jahre her, da lief ich, dass Wasser stand mir bis zum Hals, mit anderen Wikingern durch diesen Weiher. Ich hatte bereits 6 km hinter mir und einige Hindernisse ĂŒberwĂ€ltigt. Wittgenborn ist Austragungsort der Strong Viking Challenge. Einem Fun-Hindernisslauf.

Heute geht es etwas gemĂŒtlicher los. Ich kann mir allerdings ein Schmunzeln nicht verkneifen als ich ĂŒber den Weiher blicke. Die Erinnerungen manifestieren sich wieder in meinem GedĂ€chtnis. Es war ein unglaubliches GefĂŒhl diesen Lauf bewĂ€ltigt zu haben.

Der Dorfweiher. Hier ging es beim Strong Viking Lauf durch.
Der Dorfweiher. Hier ging es beim Strong Viking Lauf durch.

Ich passiere den Damm und Nala schnĂŒffelt am Rande des Weihers durchs Schilf. Vor mir steht ein wunderschöner Baum. An seinem Fuß wiederum, steht eine Bank mit herrlichem Blick ĂŒber den kleinen See. Nichts erinnert an eine Horde verrĂŒckt gekleideter Wikinger. Skurril.

Offenes Feld auf unserer Wanderung. Blick auf Wittgenborn.
Offenes Feld auf unserer Wanderung. Blick auf Wittgenborn.

Wir biegen ab und flankieren offenes Feld. Auf einem Wiesenweg wandern wir durch einige SchrebergÀrten bis wir wieder in den Wald kommen.

Wir stoßen auf die ersten Folgen des Sturmtiefs Sabine, dass vor zwei Tagen ganz Deutschland in Atem gehalten hat. Eine Fichte, deren Stamm ich gerade so hĂ€tte umarmen können ist ĂŒber den Weg abgeknickt. Aus der Bruchstelle schimmert das weiße, noch frische Holz. Ein leicht harziger Duft umgibt den Ort.

Nala ist schon drunter durch und ich folge ihr. Ich drĂŒcke die Äste zur Seit, die ĂŒber den Weg hĂ€ngen. Es ist ein bisschen Urwald-Feeling. Irgendwie bin ich in Abenteuerstimmung.

Keine 5 Schritte weiter steht ein Zaun mit einem kleinen Tor. Hier beginnt der Forst. Ich drĂŒcke die HolztĂŒr auf, die an einen JĂ€gerzaun erinnert, und zeige Nala mit meinem Finger den Weg. „Nach ihnen junge Lady“, sage ich zu ihr und stelle erstaunt fest, dass ich einer dieser Menschen bin, die mit ihrem Hund sprechen.

Hinter dem Tor verĂ€ndert sich der Weg in eine kleine Sumpflandschaft. Ich nutze die PfĂŒtzen im Gras um mal wieder meine Wanderschuhe zu waschen und lasse. keine von ihnen aus. Nala rumkurvt sie geschickt. Es ist noch zu kalt fĂŒr ein Fußbad.

Mittlerweile habe ich festgestellt, dass ich Nalas Leine am Auto vergessen habe, aber ich. möchte nicht mehr umkehren. Ich habe noch einen Ball mit einem Seil dran. Notfalls nehm ich das als Leine.

Ein Dröhnen zeichnet sich am Horizont ab und wird immer lauter. Ich erkenne einen blauen Harvester, der immer nĂ€her kommt. Ein Blick in die Umgebung lĂ€sst erahnen warum er hier ist. Überall liegen abgeknickte Tannen und Fichten. Er ist wahrscheinlich das AufrĂ€umkommando.

Ich lasse Nala neben mir sitzen und winke dem Fahrer freundlich zu. Er winkt zurĂŒck und setzt seinen Weg ungebremst fort. Ich freue mich, dass es keine Diskussion wegen der vergessenen Leine gibt.

Wir biegen links ab und der Weg wird etwas schöner. WĂ€hrend wir die letzten 500 m auf einer „Forstautobahn“ zurĂŒckgelegt haben, die fein sĂ€uberlicher nicht hĂ€tte geschottert sein können, wechselt der Weg jetzt wieder zu einem kleinen vertrĂ€umten Waldweg.

Ich dachte eigentlich nicht, dass ich wieder auf einem Hindernislauf wĂ€re, aber hier liegt die erste von einigen Fichten. die quer ĂŒber den Weg gefallen sind. WĂ€hrend Nala sich darunter durchschiebt, klettere ich diesmal trĂŒber.

Ich wundere mich, dass alle umgeknickten BĂ€ume nur Fichten und Tannen sind. Die LaubbĂ€ume, wie Buchen und Eichen, haben den Sturm besser ĂŒberstanden.

Einige ĂŒberkletterte Fichten spĂ€ter öffnet sich zu meiner Rechten eine kleine Lichtung. Mitten auf der Lichtung steht eine alte, verfallene Eiche. Ich ĂŒberwinde einen Wassergraben und nĂ€here mich der Eiche vorsichtig.

Die alte Eiche
Die alte Eiche

Diese alten BĂ€ume faszinieren mich. Ich behalte Nala im Auge, denn sie schlĂ€gt in der Regel an, wenn sich im Baum ein Tier befindet. In diesem Fall dreht sie frĂŒhzeitig desinteressiert ab. Es scheint also nichts darin zu hausen.

Ich umrunde den Baum und mache einige Bilder. Mir ist nicht klar warum ich diese alten Überreste einer Eiche so faszinierend finde, aber ich bin nicht alleine mit dieser Faszination. An Walpurgisnacht werfen Menschen immer noch Zettel mit WĂŒnschen in die Astlöcher solcher alten Eichen. Baumschutzbeauftragte sammeln die Zettel wieder ein.

Menschen werfen Zettel mit WĂŒnschen in solche alten Eichen
Menschen werfen Zettel mit WĂŒnschen in solche alten Eichen

Nala fÀngt gelangweilt an nach MÀusen zu graben und ich sehe ein, dass es Zeit wird weiter zu gehen.

Fast wĂ€re ich daran vorbei gegangen. Unscheinbar, einige Meter vom Weg entfernt, ist eine kleine LĂŒcke im Tannenwald. In dieser LĂŒcke steht eine Steinpyramide.

Ich zeige mit dem Finger auf die Pyramide und Nala versteht sofort, dass dies unser Ziel ist. Sie biegt ab und sucht sich ihren Weg durch einen Haufen von herabgefallenen Ästen, die wie MikadostĂ€bchen zwischen Weg und Pyramide verteilt liegen.

Unscheinbar in einem NadelwaldstĂŒck liegt die Hungerpyramide
Unscheinbar in einem NadelwaldstĂŒck liegt die Hungerpyramide

Vorsichtig gehe ich die Treppenstufen hinauf. Mittlerweile hat es zu hageln begonnen. Die Stufen sind feucht und rutschig.

Mein Fuß setzt sich auf die letzte Treppenstufe und mein Bein drĂŒckt mich nach oben, da fallen mir sofort die Flechten auf der Pyramide auf. Seit unseren Skandinavientouren halte ich immer Ausschau nach Flechten. Sie sind fĂŒr mich das Symbol fĂŒr einen alten, ursprĂŒnglichen Wald.

Flechten auf der Hungerpyramide. Dahinter geht es 5 m hinab.
Flechten auf der Hungerpyramide. Dahinter geht es 5 m hinab.

Ok. Es sind nicht viele Flechten, aber diese hier sieht man in Deutschland nur noch selten. Ich bin kein Experte, aber sie Ă€hneln der skandinavischen Rentierflechte und bilden ein dickes Polster ĂŒber dem dunklen Stein.

Mein Blick schweift ĂŒber die Pyramide und Nala wandert den Rand ab. Ich schĂ€tze die Höhe auf ca. 5 Meter.

Aber was kann Menschen dazu bewogen haben diesen Steinhaufen hier im Nirgendwo anzulegen. Der Haufen scheint keinem Zweck zu dienen und eine Grabkammer ist es auch nicht.

Historiker gehen heute davon aus, dass es sich um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme von 1860 handelt. Man ist sich zwar nicht ganz sicher, aber das scheint die plausibelste Theorie zu sein. Zu dieser Zeit herrscht hier Hungersnot und man hat die Menschen einfach Steine sammeln lassen um ihnen ein Auskommen zu geben und damit ihrem Hungertot vorzubeugen. Daher auch der Name Hungerpyramide.

Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich diese Maßnahme fĂŒr gut oder schlecht halten soll. Auf der einen Seite ist es gut, dass man den hungernden Menschen geholfen hat, auf der anderen Seite hat eine ABM doch einen derben Beigeschmack. Man hat den Menschen lieber sinnlose Arbeit gegeben anstatt einfach so zu helfen. FĂŒr 1860 garantiert ein Akt der außerordentlichen GroßzĂŒgigkeit.

Mittlerweile hagelt es mir konstant auf den Kopf. Kleine weiße Kugeln prallen von meinem Parka ab und kullern auf den Boden. Ich trete den Abstieg an. Nala vorne weg.

Wir ziehen weiter. Mein Blick fÀllt auf einen kleinen Weiher, der hinter einigen Buchen liegt. Es ist ein Idyll mitten im Wald.

Der kleine Weiher im Wald
Der kleine Weiher im Wald

Hohe, steile Ufer und niedrig verlaufende GrasrÀnder wechseln sich ab. Ein bisschen sieht der Weiher aus wie eine Bonsaiversion eines schottischen Lochs. Ein paar BÀnke stehen an seinem Ufer. Ich nutze die Chance kurz zu verschnaufen.

Eine Bank lĂ€dt zum verweilen ein. Ideal als Pauseplatz fĂŒr die Wanderung mit Hund.
Eine Bank lĂ€dt zum verweilen ein. Ideal als Pauseplatz fĂŒr die Wanderung mit Hund.

Der Ort ist ideal um eine Picknickdecke auszubreiten und sich einige Stunden in die Sonne zu legen, doch da ich weder Picknickdecke habe, noch die Sonne sich blicken lÀsst, zieht es mich dann doch weiter.

Ich folge der kleinen Schlucht Berg auf. Hier scheint der Sturm seine ganze Kraft entfaltet zu haben. Der Weg wird zur Kletterpartie. Überall liegen wieder umgestĂŒrzte Fichten.

Vor lauter Klettern habe ich die Abzweigung verpasst und muss nochmal kehrt machen. Meine Freude ĂŒber den wiedergefundenen Weg wĂ€hrt nur kurz. Der Hindernislauf nimmt neue Dimensionen an. Der Weg fĂŒhrt durch einen Bach. Da Sturmtief Sabine nicht nur Wind, sondern auch Regen gebracht hatte ist der Bach randvoll mit Wasser gefĂŒllt. Es gibt keine Chance trockenen Fusses auf die andere Seite zu kommen.

Es geht einfach durch die Bach
Es geht einfach durch die Bach

„Vikings never quit“, ist die Devise im Strong Viking lauf. Ich murmele die drei magischen Worte in meinem Bart und latsche einfach durch den Bach. Ich spĂŒre wie das Wasser meine Knöchel umspĂŒlt, trotzdem bleibt das Innere meiner Schuhe trocken. Ich lobpreise Hanwag, den Schuhhersteller.

Es geht spĂŒrbar bergauf. Ich klettere wieder einmal ĂŒber umgestĂŒrzte Tannen. Das Exemplar hier wurde allerdings samt Wurzeln umgeschmissen. Der Stamm war anscheinend zu dick um umgeknickt zu werden.

Etwa hundert Meter folge ich einer wenig befahren Bundesstraße. Nala habe ich rechts neben mir laufen und stopfe ihr ab und zu ein Leckerli in den Hals. Dann ĂŒberqueren wir die Straße und verschwinden wieder auf einem Waldweg.

Am Ende des Waldweges passieren wir einige Weiher. Am „Großer Weiher“ steht wieder eine herrliche, alte Eiche. Diese ist aber immer noch grĂŒn und verfĂ€llt noch nicht. Da sie auf Privatgrund steht kann ich nur von weitem fotografieren.

Eine wunderschöne, alte Eiche
Eine wunderschöne, alte Eiche

Hier, im BĂŒdinger Wald, stehen sehr viele wunderschöne, alte BĂ€ume. Einige von ihnen kannst du auch auf unserer Tour zu den GrĂ€bern der FĂŒrsten von Ysenburg sehen (https://fantastischfrei.de/wandern-mit-nala-auf-der-suche-nach-den-fuerstengraebern) oder auf der Tour um die Gettenbacher Weiher (https://fantastischfrei.de/wandern-mit-nala-gettenbacher-weiher).

Der Erlenwiesenweiher
Der Erlenwiesenweiher

Wir folgen wieder der Bundesstraße bis wir zum Erlenwiesenweiher kommen. Dieser Weiher wird von einem Angelverein genutzt und sieht super gepflegt aus. Ich genieße es an seinem Ufer zu wandern. Hinter ihm liegt wieder Wittgenborn.

Ich schlendere nur durch wenige Straßen bis ich wieder am Dorfweiher stehe und zurĂŒck zum Auto gelaufen bin. Eine spannende Wanderung mit Hund geht zu Ende.

Infos fĂŒr Hundebesitzer

Wasser ist kein Problem auf dieser Tour. Die unzĂ€hligen Weiher sorgen fĂŒr genug Wasser. Trotzdem mĂŒsst ihr etwas aufpassen, da die Gegend sehr Wildreich ist.

Fazit

Eine tolle Mischung aus alten BĂ€umen, kurioser Geschichte und herrlicher Landschaft. Die Tour wĂŒrde ich jeder Zeit wieder gehen.

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